Woher kommen die Zwischentöne „ähm“, „öhm“, „ahm“ etc.?

Wer kennt sie nicht, diese Fülllaute, die uns immer wieder bei unseren Gesprächspartnern oder auch bei uns selbst auffallen. Einige unserer Netzwerkexperten sind der Frage nachgegangen und haben folgende Antworten für Sie:

 

Eva Loschky , München:

Ich erkläre das „Ähm“ etc. immer intrapersonal. Das heißt, der Sprechende kann die Einatem-Pause, das Loslassen, das Öffnen nicht aushalten und füllt diese mit Aktion. Andere füllen diese Pause mit aktivem Einatmen, mit Lächeln, mit anderen Aktionen (z.B. Zug von der Zigarette nehmen).

 

Thomas Freudensprung , Wien:

 Der Ursprung der Füllsel liegt in der Unsicherheit des Redners, der dadurch versucht – unterbewusst – Zeit zu gewinnen, um grammatikalische, inhaltliche oder sonstige „Mängel“ aus- bzw. zu verbessern. Ein Paradebeispiel für die Vermeidung ist nach wie vor Bruno Kreisky, der es durch die Verlangsamung seiner Reden oder Interviews geschafft hat, mehr Zeit für Formulierungen oder inhaltliche Präzision übrig zu haben. Mein Tipp dazu: Eine Gedankenportion ist eine Atemportion! Je kleiner beides ist, desto klarer lassen sich Dinge sagen, und wenn ich atme anstatt „ähm“ zu stottern, mache ich zwar Pausen, aber die sind gesetzt. Das setzt allerdings voraus, das Sie den Atem sehr gut unter Kontrolle haben.
Christina Pokorny , Wien:

 Aus logopädischer Sicht sind die „ähm“ -Laute Lückenfüller. Sie dienen dazu sich Zeit zu verschaffen, wenn Sie nicht sofort das treffende Wort oder die perfekte Formulierung parat haben.

 

 

Lena Rothstein , Wien:

Die „ähms“ oder „ahms“ kommen meiner Erfahrung nach aus der Angst oder Unsicherheit, Pausen zu halten. Statt eine Nachdenkpause einzuhalten, setzt der Sprecher aus Verlegenheit diese „Füllsel“. Ich arbeite in meinen Seminaren bei solchen Erscheinungen mit dem Angebot und dem Ausprobieren von Pausen, dem Spannungsbogen des Gedankens. Blick, Augensprache und nonverbale Kommunikation ersetzen oft das „ähm“, bis es unnötig geworden ist.

Sich beim Entwickeln von Ideen zuschauen zu lassen, ersetzt ebenfalls die Leere die sonst durch diese „ähms“ vermeintlich gefüllt wird. Ich finde da das Gruppen-Feedback oder Video besonders wichtig! Schon viele TeilnehmerInnen haben nach Seminaren mit mir auf diese Art das „ähm“ ad acta gelegt.
Mag. Brigitte Schmidle , Koblach:

 „Äh“ und „ähm“ werden in der Sprachwissenschaft „Diskurspartikel“ genannt. Es handelt sich dabei um Füllwörter, die dem Gehirn

  1. eine Planungs- und Reparaturpause bieten (richtige Wörter finden, vernünftige Satzstruktur, richtige Grammatik, …)
  2. sprachstrategisch dazu dienen, das Rederecht zu behalten
  3.  das Signal geben sollen: ich bin ein Mensch, der sehr viel nachdenkt (-> die Gefahr dabei ist, als unkonzentrierter und langweiliger Gesprächspartner wahrgenommen zu werden)

Diese Laute liefern übrigens auch noch Infos auf einer zweiten Ebene: Über den Gedankenfluss des Sprechers, Hinweise auf den Wert der Aussage (ein „äh“ vor einer Antwort bedeutet demnach, die Antwort ist zwar plausibel enthält aber Unsicherheiten!)

Wie können Sie dem „äh entgegenwirken? Durch Abspannen! Einer meiner Klienten hat sich von seinen unzähligen „ähs“ nahezu völlig befreit und ein paar dürfen ja ruhig sein …

 

Dr. Peter Wasservogel , Wien:

Es handelt sich dabei um Äußerungen paralinguistischer Art, die das Gehirn des Sprechers braucht, um sich wieder mit genug Sauerstoff aufzutanken. Diese Laute haben nur zum geringen Teil gar keinen Sinn, es gehören dazu auch Laute wie Mhm, mmm, also, netwahr, net, äh …

Wie die „richtige“ Sprache unterliegen auch diese paralinguistischen Füllsel der Weiterentwicklung, sprich der Mode. Im Augenblick ist insbesondere bei Psychologen und Soziologen das „aammm“ sehr beliebt: es gibt so ein intellektuelles Flair!!

Sparsam verwendet, schaden diese Füllsel nicht unbedingt. Sie ermöglichen auch den Gehirnen der Zuhörer ein wenig Luft zu schnappen und das Gehörte besser zu verarbeiten.
Übrigens: Die Fülllaute gibt es auch in anderen Sprachen

In anderen Sprachräumen gibt es zum Teil andere, zum Teil ganz ähnliche Fülllaute:

  • Die Briten füllen Ihre Sätze mit „ähm“, „arr“, „uh“, „ahm“
  • Verwandt mit den Fülllauten sind auch die im Englischen so beliebten Tag-questions, die aber schon Sprache sind „Isn`t it?“
  • Die Italiener sagen, wenn sie genau erklären wollen, immer wieder „no“
  • Die Vorarlberger sagen „od’r?“ – auch wenn es gar keine andere Funktion hat als ein „mhm“ (in analoger Kommunikation soviel wie „hast eh verstanden“, „gibst mir eh recht“ etc.)
  • Die Schweden sprechen Zwischentöne wie „öhm“, „öh“, „ärr“, „äh“ (das rr bezeichnet ein leichtes Geräusch vom knarren)
  • Bei den Japanern ist unser „äh“-Laut ein „anoo“
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