Stimmhygiene lässt sich erlernen!

Mag. art. Hannes Tropper

Stimmpädagoge, Sprecherzieher, AAP-Trainer

Bei Sprechberufen und vielen anderen Berufen ist der Überbeanspruchung des Stimmorgans freie Bahn gegeben, da normalerweise ein Mensch nur 2-3 Stunden ununterbrochenen Sprechens verträgt.
Frauen und Männer, die über zwei Wochen heiser sind, sollten deshalb unbedingt zum HNO-Arzt gehen. Nur er kann feststellen, ob sich hinter der kratzig rauen Stimme eine harmlose Erkältung, eine Überbeanspruchung oder ein Kehlkopfkrebs verbirgt.

Stimme „außer Tritt“

Heiserkeit wird durch krankhafte Schwingungen der Stimmlippen verursacht. Wie die Schwingungen und der Spannungszustand der Stimmlippen im Kehlkopf verändert oder „außer Tritt geraten“, so kann das „körpereigene Instrument“ der Kehlkopf nur noch unregelmäßige Schwingungen oder, bei Stimmverlust keinerlei Schwingungen mehr erzeugen. Ursachen für die Verspannungen der Stimmlippen können sichtbare krankhafte Veränderungen des Kehlkopfes sein wie Polypen, Zysten, Stimmlippenknötchen oder gar eine bösartige Neubildung wie das Karzinom. Relativ harmlos sind sog. Kontaktgranulome, welche eine gutartige Veränderung im hinteren Drittel der Stimmlippen darstellen, häufig auch durch die Refluxerkrankung mit ausgelöst.

Stimmprobleme nehmen zu

Stimmintensive Berufe, so auch die ÄrztInnen, Geistliche, LehrerInnen, DozentInnen, KindergärtnerInnen, SchauspielerInnen, SängerInnen, VerkäuferInnen u.v.m. leiden immer mehr an derartigen gutartigen Stimmlippenveränderungen. Diese sind nicht selten gekoppelt mit Funktionsstörung, Stresserkrankung und gastroösophagealem Reflux. Solche Stimmfunktionsstörungen mit dem Leitsyndrom Heiserkeit, gehen einher mit einem Fremdkörpergefühl im Hals, Räuspern und Hüsteln, nicht selten Schmerzen, Stimmermüdung und Stimmversagen. Besserungen bringen antientzündliche Inhalationen, eine entsprechende Diät und/oder die Änderung der Lebensverhältnisse, Stimmschonung und je nach individuellem Verlauf auch eine Abtragung einer solchen gutartigen Stimmlippenwucherung.
Unabdingbar ist jedoch Stimmschonung und Stimmruhe einzuhalten und ein Verhalten einzuüben, durch das der Stimmstress abgebaut werden kann. Bei Refluxstörungen wird manchmal ex juvantibus (Inhibitoren der Protonenproduktion in der Magenschleimhaut) verordnet.

Gefahrenpotential „Genussmittel“

Den meisten Frauen und Männern in der Bevölkerung fehlt das Bewusstsein, dass hoher Zigaretten- und Alkoholkonsum zu Heiserkeit und „Stimmstress“ führen kann. Die Gefahr, dass sich aus einer solchen chronischen Laryngitis Krebs entwickeln kann, wird nach wie vor unterschätzt. Eine Krebsvorstufe im Kehlkopf ist die hyperplastische Laryngitis mit leukoplakischen Veränderungen. Oft ist es notwendig in örtlicher Betäubung, meist aber in Vollnarkose über eine MLS (Mikrolaryngoskopie) diese Neubildungen abzutragen.
Ebenfalls sind hier begleitende stimmhygienische Maßnahmen erforderlich: Stimmruhe, Inhalationen, logopädische Stimm- und Atemtherapie.

Belastbarkeit überschätzt

In den meisten Fällen ist jedoch die Heiserkeit nicht organisch bedingt, sondern stellt ein funktionelles Überlastungssyndrom dar. Die Ursache liegt in der Diskrepanz zwischen Anforderungen an das Stimmorgan und der tatsächlichen Belastbarkeit der Stimme.
Neben den klassischen stimmintensiven Berufen (s.o.) ist heute fast jeder einmal von einer solchen Funktionsstörung betroffen. Mit ein Grund ist, dass die Stimme gegen einen immer höheren Lärmpegel in unserer Umwelt, insbesondere auch den Freizeitlärm, ankämpfen muss.
Gemeinsame Nenner dieser Funktionsstörung Heiserkeit ist die mangelnde Stimmhygiene, die man aber durchaus erlernen kann; wichtig ist deshalb das Erlernen stimmschonenden Verhaltens.

Ob die Veränderungen im Kehlkopf harmlos oder bösartig sind, kann der Arzt durch die kaum belastende Kehlkopfspiegelung feststellen. Diese wird heute durch Lupenendoskopie, die eine optimale Inspektion des Kehlkopfs gestattet, am besten gewährleistet.

Man sollte das Symptom Heiserkeit gesamtgesellschaftlich ernst nehmen.

 

Autoren:
Dr. Matthias Weikert und Dr. Josef Schlömicher-Thier
Bearbeitet von Mag. Hannes Tropper

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